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Artikel in der "WerbeWoche"

«Ich löse jede Aufgabe»

Der Illustrator Marcel Reich mag die handwerklichen Fähigkeiten in der Kunst und hat deshalb ein Faible für die grossen Meister der Renaissance oder für zeitgenössische Maler wie Georg Baselitz oder Heike Ruschmeyer. Kein Wunder, zeichnen sich auch Marcel Reichs Arbeiten durch solides Handwerk aus - und durch eine beeindruckende Stilvielfalt.

"In der Kunst sind handwerkliche Fähigkeiten zur Zeit nicht mehr so gefragt", konstatiert Marcel Reich, "das kommt vielleicht wieder." Da er etwas auf technisches Können hält, hat er sein Tätigkeitsfeld zwischenzeitlich auf die Illustration verlegt. Seine Stärke in der Illustration besteht darin, dass er über ein grosses Repertoire an Techniken und Stilen verfügt, um unterschiedliche Aufgabenstellungen optimal umzusetzen. "Ich löse jede Aufgabe, die irgendwie mit Illustration zu tun hat", sagt Reich.

Entstehen auf der einen Seite eher fröhliche, humorvolle, aber auch schräge Illustrationen für die Werbung, bringt Marcel Reich in seinen persönlichen Bildern seine ureigene Bilderwelt zum Ausdruck. Er neige zum Morbiden, sagt der Bündner, "die dunkle Seite des Menschen interessiert mich". Tatsächlich ist in vielen seiner persönlichen Arbeiten ein düsterer Zug auszumachen. Vielleicht bringt das jemand, der in Trin zwischen Chur und Flims in den Bergen aufgewachsen ist, einfach als gegeben mit. Wo Berge Schatten werfen, wird man sich vielleicht auch der eigenen eher bewusst. HR Giger ist mit seinen apokalyptisch düsteren Bildern den Weg der Schatten schon fast prototypisch vorangegangen. Dem Alien-Kreator ist mit seiner konsequenten Schwarzmalerei weltweit Erfolg beschieden, bloss in seinem Heimatkanton wurde ihm bis heute keine breite Anerkennung zuteil. Dafür immerhin eine schmale: Marcel Reich war ein "grosser Giger-Fan", der sein ehemaliges Vorbild heute immer noch als "sehr interessant" bezeichnet.

Bevor der Illustrator 1995 nach Zürich kam, um in der Werbemetropole sein Glück zu suchen, wirkte er unter anderem 1991 an der von Walter Lietha organisierten Ausstellung "Bündner Comic-Künstler" mit und zeichnete für Alpodrom — Fahrendes Theater Graubünden ebenso wie für das Bündner Tagblatt, das Piz-Magazin und das Davoser Hotel Face. In Chur war er aber auch in anderer Hinsicht verwurzelt: Als Sänger und Songwriter spielte er in Punk- und Heavy-Metal-Formationen, die einschlägige Namen wie Dioxin und Intoxicate trugen, und setzte sich mit dem politischen, antifaschistischen Hintergrund der Szene auseinander.

Um sich voll aufs Zeichnen konzentrieren zu können, hörte Marcel Reich mit der Musik auf, als er nach Zürich übersiedelte. Interessanterweise ist seither Elvis wieder aus den Tiefen der Kindheit aufgetaucht, der ihn heute vor allem wegen des Kults interessiert, der um ihn getrieben wird. "Wenn wieder Musik", so meint er, "dann lieber etwas Experimentelles. Eine schräge Hommage an Elvis beispielsweise."

Passend zu den schrägen Neigungen in Musik und Malerei ist seine Vorliebe für ein Tier, das er schon in allen Variationen gemalt, skizziert und gezeichnet hat: für den Dinosaurier. Notabene war seine Faszination schon da, bevor das Urtier als Ausstellungsobjekt, Plüschtier und "Filmstar" ein seltsames Comeback feierte. Die stummen Zeugen der Vergangenheit regen ihn dazu an, über die Vergänglichkeit und die Relation von Zeitaltern nachzudenken und sich ein Bild der Erde auszumalen, das über die historisch kurze Spanne, die wir zu überblicken gewohnt sind, hinausreicht. "Die Dinos beherrschten während 150 Millionen Jahren den Planeten. Der Mensch ist vergleichsweise erst seit kurzer Zeit präsent und hat es bereits fertig gebracht, das ganze Ökosystem durcheinander zu bringen."

Wer wie Marcel Reich mit 40 ein umfangreiches Werk vorzuweisen hat, ist mit der Malerei eine ernsthafte Liaison eingegangen. Nach dem Vorkurs der Schule für Gestaltung St.Gallen absolvierte Reich eine Grafikerausbildung bei der Churer Werbeagentur Trimarca. Während die Werbung anfangs, wie er gesteht, eher eine Möglichkeit war, Geld zu verdienen, wächst seine Leidenschaft mit dem Tun und mit der Zusammenarbeit mit bemerkenswerten Leuten aus der Branche. 

Bei Seiler DDB, Zürich, wo er 1995 als Junior Art-Director angestellt war, bevor er sich im gleichen Jahr selbständig machte, engagierte er sich zusammen mit Rodolphe Deville für eine Antirassismus-Kampagne, zeichnete aber auch für Jaguar, Swisscom und im Auftrag von Pucci Sulzer für Biber-Papier. Für Seiler DDB entwickelte er - unverwirklichte - Vorschläge wie die "Eiszeit" von Frisco als eigene Welt dargestellt werden könnte. Bezeichnenderweise arrangierte der Bündner die Cornets wie ein Bergpanorama.

Von Giulia Pompeo, Copyright © by Werbe Woche AG
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Marcel Reich, Zürich, Schweiz. Illustrationen, Cartoons, Kinderbuch, Fantasy-Art, Charakter-Design.